Deutsches Nationaldenkmal

 

 

Am 9. März 1888 starb Kaiser Wilhelm I. mit 91 Jahren. Er galt als Gründer des Deutschen Reiches und so ist der Personenkult erklärbar, der nach seinem Tode ausbrach. Ein pompöser Trauermarsch am 16. März 1888 vom Stadtschloss durch den Tiergarten zum Mausoleum zu Charlottenburg wurde ausgerichtet, die Strassenzüge aufwendig geschmückt. Die Berliner und Zugereisten Bürger des jungen Deutschen Reiches (1871) nahmen Abschied vom Gründungsvater Deutschlands.

 

In den Tagen danach brach die Diskussion auf, ein Staatsforum oder Denkmal zu Ehren des ersten Deutschen Kaisers zu schaffen. Architekten und Bildhauer sowie Stadtplanern reichten ihre Vorschläge ein. Das Denkmal sollte auf jeden Fall für die ganze, neue Nation stehen, an die Einigung der Kleinstaaten zu einem Deutschen Reich erinnern.

 

1889 rief der Kaiser Wilhelm II. einen Wettbewerb zur Errichtung eines Deutschen Nationaldenkmals aus. Schnell kristallisierte sich als Standort die einstige Schlossfreiheit gegenüber dem Stadtschloss in der Reichshauptstadt Berlin heraus. Die geschichtsträchtige Häuserzeile in der Schlossfreiheit wurde schon 1892 abgerissen.

 

Der Entwurf des namenhafte Bildhauers Reinhold Begas (1831 - 1911) gewann den Wettbewerb. Er selbst studierte u.a. bei Gottfried Schlüter, war auch ein Schüler des Bildhauers Christian Rauch.

 

Das Nationaldenkmal bestand aus einer einer Reiterfigur, die den Einheitskaiser Wilhelm I. darstellt. Umgeben von Quadrigen, und vier Viktorien die die Kriege und an den folgenden Frieden symbolisierten.

 

Das Denkmal nahm den Platz über dem alten Mühlengraben ein, der hierfür überbaut wurde. Ein entsprechender Unterbau wurde hierfür errichtet, auf dem dann das Nationaldenkmal thronte. Durch den Abriss der Häuser auf der Schlossfreiheit ergab sich von der Schlossbrücke ein würdevoller Blick auf das Schloss.

 

Das Nationaldenkmal stellte nicht nur ein Denkmal für den verstorbenen ersten deutschen Kaiser dar, es war zugleich das einzige Nationaldenkmal des Deutschen Volkes in der Reichshauptstadt und stand für die Einheit des Deutschen Volkes mit Reichsgründung 1871.

 

1895 erfolgte die Grundsteinlegung des Denkmals, am 22. März 1897 die Enthüllungsfeierlichkeit im 100. Geburtsjahr Kaiser Wilhelm I. Der gesamte deutsche Hochadel war an diesem Tag anwesend, aber auch zahlreiche adelige Gäste aus dem Ausland säumten die aufgebaute Tribüne vor dem Nationaldenkmal des Deutschen Volkes.

 

1918 war es unruhig in Berlin, der erste Weltkrieg führte auch nach Berlin. Karl Liebknecht hielt am 9. November 1918 vom Balkon über dem Portal Nummer IV des Stadtschlosses seine Rede. Die Auseinandersetzungen der Novemberrevolution und der Soldaten zertrümmerten auch Teile des Nationaldenkmals.

Das Nationaldenkmal Kaiser Wilhelm I. war nun nicht nur beschädigt worden, auch wirkte es mit der Abdankung des letzten Deutschen Kaisers fehl gegenüber dem Stadtschloss, welches nun als Museum diente. Der Abbruch der hinterlassenen Denkmäler wurde diskutiert und teilweise auch umgesetzt. Auch heute gibt es Beispiele aus der jungen Geschichte, Denkmäler im frühen Rausch der Veränderungen abgeräumt zu haben, die man später wieder rückgängig machen würde. Denkmäler sind stets Zeugnisse der Zeit. Geschichte kann mit dem Beseitigen dieser nicht revidiert werden. Ein modernes Beispiel dafür ist das Lenindenkmal auf dem Platz der Nationen.

 

Für das Nationaldenkmal entschied man sich für den Erhalt. Die Schäden der Oktoberrevulution von 1918 wurden beseitigt.

 

Der Zweite Weltkrieg hinterliess auch seine Spuren am Nationaldenkmal. In den letzten Kampftagen des Jahres 1945, wie auch am Berliner Stadtschloss.

 

Im Zuge der Vorbereitungen für das geplante Pfingstreffen der FDJ im Lustgarten 1950 liess die SED durch eine wahre Säuberungswelle viele der Denkmäler beseitigen, die nicht in die politische Ansicht eines sozialistischen Staates gehörten. Bereits im Dezember 1949 begann man damit, das Nationaldenkmal abzubauen. Im Dezember 1950 war das Berliner Stadtschloss und das dazugehörige Nationaldenkmal beseitigt, die Geschichte damit jedoch nicht rückgängig gemacht.

 

Geblieben ist der tragende Unterbau, das gemauerte Fundament über dem alten Mühlengraben. Zwei Löwen aus dem Denkmal wurden in der Freianlage des Tierparks Friedrichsfelde aufgestellt, der Adler steht im Innenhof des Märkischen Museums.

 

Der Unterbau hat auch sein Mosaikboden erhalten, der heute unter einer schützenden Asphaltdecke liegt, und so vor Beschädigungen oder Plünderern abgedeckt wird. die Treppensätze sind noch deutlich erkennbar, auch die Absperrung zur Wasserseite weist noch mit feinen Details auf das Denkmal hin.

 

Heute zeigt dem Besucher ein rätselhafter Ort: Wer von dem Nationaldenkmal nicht weiss, versucht sich diesen Treppensatz als Tribüne für die SED-Genossen zu erklären, als die Militärparaden hier stattfanden. Dies stimmt nicht, es fand nur eine Parade hier auf dem Schlossplatz statt, und die wurde vom Palast der Republik begrüsst.

 

Ebenso unklar wie die Diskussion rund um den Palast der Republik, dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses reiht sich auch ebenso wirr die Planung für die Schlossfreiheit und dessen Nationaldenkmal ein. Abriss des Unterbaus, Nutzung des Unterbaus für ein neues Denkmal an die zweite deutsche Einheit von 1990, Beibehaltung des Nichts und Wiederaufbau des alten Denkmals der ersten deutschen Einheit von 1871. Auch eine Nutzung der Hohlräume im Unterbauwerk als Weinkeller und historisches Restaurant oder Erinnerungsstätte für das einstige Denkmal wurden öffentlich diskutiert.

 

Ebenso unklar, wie die Feinheiten des Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses ist die Zukunft der Schlossfreiheit. Die namenlose Strasse weist nicht auf die Schlossfreiheit hin, auch bestehen keine Tafeln oder Hinweise. Der Berliner Tourist zieht achselzuckend an dieser Stelle vorüber, wenn er sie überhaupt wahrnimmt.

Ein Verein Berliner Schloßfreiheit bemüht sich die Gewölbe für Kunstausstellungen herzurichten und bieten Rundgänge durch die Stützgewölbe an.

Der Verein Berliner Unterwelten e.V . führt auf Anfrage oder im Rahmen von Seminaren kleine Gruppen durch das Innere des Stützbauwerkes. Die Brüder Dietmar und Ingmar Arnold von den Berliner Unterwelten haben mit der Veröffentlichung eines Buches über die Schlossfreiheit versucht, das Thema auch öffentlich aufzubrechen. Die sehr ausführliche Arbeit über diesen Strassenzug ist sehr zu empfehlen. Die beiden Brüder halten auf Anfrage auch gerne bebilderte Vorträge zur Thematik.

Blick von Palast der Republik 2005 über den Schlossplatz auf die Schlossfreiheit: ein trostloser Parkplatz ohne jegliche Bedeutung und Erinnerung.

Die Brüder Arnold haben zur Schloßfreiheit ein zusammenfassendes Buch geschrieben.

Eine detaillierte Zusammenfassung mit vielen Grafiken, Bildern und Zeichnungen beschreibt die Schlossfreiheit in allen Zügen.

Mehr zum Buch unter “Empfehlungen

Die ungenutzte Schloßfreiheit im Sommer 2006, gut erkennbar noch die Fläche des Nationaldenkmal

 
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Alle Bilder aus der Sammlung des  Verfassers: M. Jurziczek  at 8/2005